Stein Nr. 35

Übersicht der verlegten Meilen-Steine                                       Chronik der Steine

Die Geschichte des Steins Nr.: 35

 

 Stifter:                                  Thea Recknagel und Christa Schmidt

 Inschrift:                              Hugo Schmidt
                                               17.04.1945

Datum der Stiftung:         30.4. 2005

Die Geschichte zum Stein  erzählen die Töchter Thea Recknagel und Christa Schmidt:

Unser Vater Hugo Schmidt war Kürschnermeister in Brandis. Sein Ladengeschäft und die Werkstatt befanden sich in der Bahnhofstraße 1 (heute: Sanitätshaus Jeromin). Unser Vater war ein geselliger, hilfsbereiter Mensch. Obgleich er als Soldat und später Kürschnergehilfe auf seiner Wanderschaft viele schöne Landschaften kennen gelernt hatte und gern davon erzählte, blieb er in Brandis. Seine Heimatstadt liebte er und engagierte sich im Sportverein, in der Freiwilligen Feuerwehr, auch als Geflügelzüchter und im Schützenverein. So fand er viele gute Freunde, besonders in der Feuerwehr. Kennzeichnend für ihn war sein Gerechtigkeitssinn. 

1936 erwarb er von der Wurzener Warenversorgung das Haus in der Bahnhofstraße 1 und bezahlte den Kaufpreis über den Einheitswert, ordentlich im Grundbuch eingetragen. Für seine bescheidenen Verhältnisse musste er viel Geld in den nötigen Umbau hineinstecken. 1948 / 49 wurde dieses Haus auf Grund eines willkürlich ausgelegten Befehls der SMA ( Sowjetische Militäradministration ) entschädi-gungslos enteignet. Damit wurde ihm die Grundlage für sein Handwerk und Geschäft entzogen. Der Brandiser Bürgermeister Ziermayer bot ihm eine Werkstatt und einen Ladenraum an. Der Bürgermeister  wollte  aber erst das Gebäude einer Witwe „wegnehmen, die schlecht und recht einen kleinen Schuhladen betrieb. Unser Vater lehnte mit der Begründung ab, dass er wisse „wie weh ein solches Unrecht tut. Er fand Zuflucht bei seinem Bruder Otto Schmidt in Grimma. Dort übernahm er die Kürschnerwerkstatt mit Geschäft.

Leider starb er schon mit 55 Jahren am 14. Juni 1951.

1945 war unser Vater Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Brandis, er liebte seine Feuerwehr  über alles. 

            Hugo Schmidt ( 3. Reihe, links ) 1924 im Kreise seiner Feuerwehrkameraden.

 

                                                Die freiwillige Feuerwehr 1932

 Im Frühjahr 1945, das baldige Ende des 2. Weltkrieges war absehbar, stießen amerikanische Einheiten in Richtung Leipzig vor. In der Leipziger Region war der Luftwaffenstützpunkt Waldpolenz ein militärisches Objekt und damit ein mögliches strategisches Ziel der Alliierten.

Der Flugplatz wurde am 13.04.1945 evakuiert. Eine kleine Gruppe Soldaten sollte den Feind abwehren. Die amerikanischen Truppen besetzten jedoch am 16.04.1945 den Flugplatz Waldpolenz.

Die Stadt Brandis sollte durch den „Volkssturm verteidigt werden. Panik und Angst breitete sich in der Bevölkerung aus. Frauen und Kinder verkrochen sich in die Keller, da keiner wusste, was der Stadt bevorstand.

Dass unser Vater den Mut besaß, eine kampflose Übergabe der Stadt vorzubereiten, erfüllt uns noch heute mit Stolz.

Er suchte Mitstreiter und fand sie in seinen Freunden, dem Gastwirt  Max Goldammer und dem Sattlermeister Willy Fichtner. Sie waren auch Mitglieder der Feuerwehr Brandis. Sie täuschten am 17.04.45 einen Waldbrand in der Nähe des Flugplatzes vor, um ihren Einsatz zu legitimieren. Auf der Betonstraße (heute: Waldstraße) fuhren sie mit dem Feuerwehrauto Richtung Flugplatz. Als Zeichen friedlicher Absichten befestigten sie ein weißes Bettlaken am Kühler.

Mit dieser weißen Fahne, als Zeichen der Kapitulation, erreichten sie die ameri-kanischen Einheiten auf dem Flugplatz. Mein Vater führte mit dem amerikanischen Oberst die Verhandlungen über die kampflose Übergabe der Stadt Brandis. Vorsorglich hatten die 3 Männer den Arzt Dr. Reichel als Übersetzer mitgenommen.

Über den Verlauf des Gespräches haben die Beteiligten nie gesprochen. Wir wissen aber, dass unserem Vater die Schulterstücke von der Feuerwehruniform und das Hoheitsabzeichen von der Mütze heruntergerissen wurden.

 

Der Einsatz und der Mut der Brandiser Feuerwehrleute und Dr. Reichel als Dolmetscher – allen voran unser Vater Hugo Schmidt – verdienen Ehre und Würdigung.

Es hat uns stark berührt, dass mit diesem Meilenstein zum 60. Jahrestag der Kapitulation, die Tat unseres Vaters gewürdigt wurde.

 

Verein Brandiser Meile e. V., Hauptstraße 34, 04821 Brandis                              schreiben Sie uns: info@brandiser-meile.de
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